Vier Künstler*innen. Vier Kopiergeräte. Ein Residenzformat für das Museum für Fotokopie
Künstlerinnen verbringen normalerweise Zeit an Orten, um dort abseits des Alltags arbeiten zu können. Das Museum für Fotokopie dreht dieses Prinzip um: ARTIST & COPYMACHINE schickt historische Kopiergeräte auf Residenz in die Ateliers von Künstlerinnen. Die Maschinen verlassen ihr meist ereignisloses Depot, um in einen kreativen Dialog mit den Künstlerinnen zu treten. Unsere einzige Bedingung: Die Kopierer, oder das, was von ihnen übrig bleibt, müssen zurück ins Museum gebracht werden und der Dialog mit unserem Kopiergerät wird in einem Zine dokumentiert und für die Nachwelt aufgehoben. Alle vier Künstlerinnen/Kollektive entschieden sich dafür eine Ausstellung zu gestalten.
Das Format ist ursprünglich vom Team des Museums für Fotokopie ca. 2020 entwickelt worden. 2023 als es zur Umsetzung kam, entwickelte ich es weiter, damit eine bleibende Dokumentation entsteht in dem für das Museum für Fotokopie so beliebte Zine Format. Die Zines sind ganz im Sinne ihrer Vorgänger aus den 80er Jahren erschwinglich (2-5 Euro) und nur durch einen Umschlag gekennzeichnet als Künstlerinnenreihe.
Die Projekte 2024
GESINE GRUNDMANN | NORMALLY I´M NOT COPIED
Materialarchäologie & Das Weben von Undingen
Gesine Grundmann begegnet dem ihr anvertrauten Luxacopy CM-24 ME mit einer radikalen Dekonstruktion. Sie betreibt eine sorgsame Materialarchäologie, indem sie die Maschine in ihre statischen Einzelteile zerlegt und jede Schraube protokolliert. Aus den Komponenten, die einst mechanische Funktionen erfüllten, webt sie neue Objekte.
Dinge werden zu „Undingen“: Grundmanns Arbeiten übersetzen die industrielle Reproduzierbarkeit in einen, sinnlich erfahrbaren hängenden Teppich und verweist dabei subtil auf das Weben als erste binäre Kulturtechnik.
ROBERT J. TOMSONS | SLEEP CYCLES
Der Kopierer als missverstandener Cyborg
Robert J. Tomsons verwandelt das Museum für Fotokopie in den privatesten aller Räume: das Schlafzimmer als Labor. Seine Arbeit „Sleep Cycles“ gibt all dem ein Zuhause, das auf der genormten DIN-Kopie keinen Platz findet. Er verlangsamt den Kopiervorgang und macht die körperliche Anpassung des Menschen an die Maschine zur Performance. Der Kopierer erscheint hier als missverstandener Cyborg, der von einer Architektur umgeben wird, die Schlaf und technische Reproduktion in einen traumwandlerischen Dialog bringt.
CELINE BERGER | MFF_000012
Eine performative Partnerschaft
„Pünktlich, korrekt, fehlerfrei.“ Celine Berger widmet sich der historischen Figur der Sekretärin und ihrer Beziehung zur Maschine. Am Beispiel des Remington Rand (einem chemischen Kopierverfahren der 50er Jahre) animiert und beschreibt sie die performative Partnerschaft zwischen Mensch und Apparat. Ihr Blick ist „gnadenlos liebevoll und exakt“: Sie zeigt eine Arbeitswelt, in der jede Kopie noch händisch vom Negativ getrennt werden musste, und erforscht so die poetischen Notwendigkeiten des wirtschaftlichen Alltags.
RAUMZEITPIRATEN | SCANNER-SYNTH
Symbiotische Klangarchitektur
Das Kollektiv Raumzeitpiraten kapert das Licht. Sie verwandeln den Kopierer von einer visuell reproduzierenden Maschine in ein opto-akustisches Instrument. Mit selbstgebauten, lichtempfindlichen Samplern, die auf dem Glas liegen, wird das wandernde Licht des Scanners in Echtzeit vertont. Es entsteht eine parasitäre und zugleich symbiotische Nutzung: Die starre industrielle Logik des Geräts weicht einer organisch-improvisierten Klangarchitektur, in der der Kopiervorgang zur musikalischen Performance wird.
